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Kapitel 10
Annehmen und Weitermachen: Zukunft beginnt, wo die Zeit stillsteht
Die ersten Jahre
Auch Sie haben Erinnerungen. Langsam, Tag für Tag, bauen sie sich auf. Auch Sie bauen auf. Sie bauen den neuen Menschen auf, der Sie werden - ein Mensch, der ganz anders ist als der lachende, fröhliche, der Sie vielleicht waren. Ein stärkerer, waiserer, trauriger Mensch, doch auch einer, der mehr Einfühlungsvermögen, Liebe und Verständnis besitzt.
Am Anfang verhindern der Schock und die Erstarrung des Schmerzes, dass wir an uns selbst denken. Dann kommt die Qual des verzweifelten Kummers und der „Wenn doch nur „- Formulierungen von Schuld und Vorwurf. Wir vermissen unser Kind sehr stark.
Doch an einem Punkt wird uns klar, dass wir nicht nur um unser Kind trauern, sondern auch um uns. Unser Kind ist gestorben, aber gewissermaßen sind auch wir gestorben. Und unser Leben, wie wir es kannten. Über Jahre arbeiteten und planten wir sorgfältig, um uns ein Leben nach unseren Geschmack aufzubauen. Wir sind vielleicht mit unseren Bemühen einigermaßen erfolgreich gewesen. Nun haben wir alles verloren. Wohin gehen wir von hier aus?
Als meine Kinder noch klein waren, begann ich damit, ihnen immer ein Gedicht von Rudyard Kipling vorzulesen, das ich sehr liebe. Es erschien mir als einer der besten Ratschläge, die ich ihnen geben konnte. Ich schließe es hier ein, weil es mich immer noch begeistert. ( Nachsicht, Feministinnen - er lebte in einer anderen Zeit)
Wenn
Wenn du den Kopf behalten kannst, während alle um dich her ihren verlieren und es auf dich schieben,
wenn du dir vertrauen kannst, während alle an dir zweifeln, und du dabei auch ihre Zweifel verstehst;
wenn du warten kannst und nicht vom Warten ermüdest, oder belogen wirst nicht zur Lüge greifst;
gehasst wirst, ohne dich dem Hass hinzugeben, dabei nicht zu milde dreinblickst noch zu klug redest:
Wenn du träumen kannst – ohne Träume zu deinem Herrn zu machen;
Wenn du denken kannst – ohne Gedanken zu deinem Ziel zu machen;
Wenn du Triumph und Katastrophen begegnen kannst und diese beiden Hochstapler gleich behandelst;
Wenn du es ertragen kannst, die Wahrheit, die du gesagt hast, von Schuften verdreht zu hören, um eine Falle für Toren daraus zu machen,
oder die Dinge zerbrochen zu sehen, denen du dein Leben gegeben hast, und dich bücken und sie mit abgenutztem Werkzeug wieder aufzubauen:
Wenn du einen Stapel aus deinen Gewinnen machen und sie auf ein Mal, alles oder nichts riskieren kannst,
und verlieren und wieder beim Anfang anfangen und nie auch nur ein Wort über deinen Verlust sagst;
wenn dein Herz, Nerv und Sehnen zwingen kannst, dir zu gehorchen, wenn es sie längst nicht mehr gibt, und so durchzuhalten, wenn nichts mehr in dir ist außer dem Willen, der ihnen sagt: „Halte durch!“
Wenn du mit Mengen reden kannst, ohne Tugend zu verlieren, oder neben Königen gehen kannst – doch den common touch ( Volksnähe) nicht verlierst,
wenn dich weder Feinde noch liebevolle Freunde verletzten können, wenn alle auf dich zählen, aber keiner zu sehr;
wenn du die erbarmungslosen Minuten füllen kannst mit sechzig vollen Sekunden eines Langstreckenlaufs, gehört dir die Erde und alles, was darauf ist, und – was mehr ist – du wirst ein Mann sein mein Sohn!
(Rudyard Kipling: die Ballade von Ost und West, Ausgewählte Gedichte, Zürich 1992)
Rudyard Kipling schrieb dieses Gedicht für seinen geliebten Sohn und las es ihm oft vor, um ihm Werte zu vermitteln, die es ausdrückt. Der Sohn war sechzehn, als England in den Krieg eintrat, und wollte zur Armee gehen. Da er noch zu jung war, benötigte er die Zustimmung seines Vaters. Trotz seiner Vorbehalte und Bedenken erteilte Kipling ihm die Erlaubnis und unterzeichnete die notwendigen Papiere. Sein Sohn starb in diesem Krieg.
Ja ein Rat für Kinder, aber auch für uns, glaube ich. Ja wir haben verloren und müssen ganz von vorn beginnen. Ja, wir sind erschöpft und haben Schmerzen, und unser Werkzeuge sind nicht nur verbraucht, sondern auch schwer. Ja, wir wissen, dass wir einst einen Willen hatten, aber wir wissen nicht genau, wohin er entschwunden sein könnte. Es scheint, dass uns die Motivation fehlt, irgendetwas zu tun.
Und doch sind wir hier. Wir leben. Wir haben keine andere Möglichkeit, als weiterzugehen.
Nach und nach, in kleinen, kaum merklichen Schritten, beginnen wir uns zu wandeln. Nach und nach werden wir, fast gegen unseren Willen, vorwärts gebracht.
Stellen Sie sich das Leben als einen großen Strom vor, der sich eigenwillig und mächtig vorwärts bewegt. Wir sind viele, viele Jahre auf dem Strom gefahren. Einige von uns fuhren wild und rücksichtslos. Andere fuhren nachdenklich und ruhig. Wieder andere fuhren behutsam und vorsichtig. Wie Sie auch auf diesem Strom des Lebens fuhren, er ernährte Sie und hielt Sie meisten aus den Strömungen und kleine Wellen und Wirbeln heraus.
Wenn unser Kind stirbt, scheint uns irgendeine Kraft hochzuheben und aus dem Strom zu werfen, auf das trockene, wüste Land am Ufer. Dort sitzen wir und weinen, wie im biblischen Verbannten an den Wassern von Babylon, denn auch wir sind Vertriebene. Wir sind dem Strom vertrieben und beobachten sehnsüchtig und klagend, wie das Leben an uns vorüber fließt. Wir müssen auf dem trockenen Ufer sitzen, um uns zu erholen. Doch langsam müssen wir wieder näher dem Strom herangehen. Langsam, vorsichtig, zögernd müssen wir wieder in den Strom zurück, denn sonst werden wir auf unfruchtbaren dürren Ufern sterben. Irgendwann in den ersten fünf Jahren wird uns von neuem bewusst, dass wir das Wasser des Lebens als Nahrung brauchen.
Allmählich, fast gegen unseren Willen und oft mit einem großen Schuldgefühl, glauben wir, dass wir vielleicht doch noch zu den Wassern des Lebens zurückkehren können.
Wir können nicht zu ihm zurückkehren als die Menschen die wir waren, bevor unser Kind starb. Doch als die Menschen die wir jetzt sind, können und werden wir zurückkehren.
Einige von uns beobachten den Strom nur. Andere haben sein Wasser schon wieder gekostet und es süß empfunden. Andere sind hinein gewatet, vielleicht bis zu den Knien.
Das ist die Aufgabe der kommenden Jahre. Sie müssen zu dem Strom des Lebens zurückkehren als der Mensch, der Sie jetzt sind, ein Mensch, der Tod, Verlust und Kummer kennen gelernt hat. Ein Mensch, der Traurigkeit versteht, aber auch Freude schätzt.
Juliet Cassuto Rothman Wenn ein Kind gestorben ist

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Neueste Kommentare

02.05 | 19:12

<3 denk an dich

...
28.11 | 19:11

Du bist immer da... wir reden von Dir und auch mit Dir...
Warum?? Warum musstes du schon gehen??
Es ist immer noch nicht zu fassen 😞

...
16.10 | 13:46

tief berührt... Ich habe 2 Brüder und eine Schwester ... Sie sind noch real auf dieser Welt
Claudia

...
14.08 | 11:41

DU fehlst mir sooooooooooooooooo

...
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